NACHTASYL

NACHTASYL erzählt von Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben: von Arbeitslosen, Falschspielern, Drogensüchtigen, Prostituierten, Kleinkriminellen, Alkoholikern und Lebenskünstlern. Aber keiner von diesen Menschen hat aufgehört zu träumen. Zu träumen, das Elend hinter sich zu lassen, wieder gefragt zu sein auf dem Markt der ungeahnten Möglichkeiten, einmal ganz oben zu stehen und allen Miesmachern die lange Nase zu zeigen oder doch noch den Mann, die Frau fürs Leben zu finden. Und wenn sie nicht von morgen träumen, dann träumen sie von gestern: von ihrer großen Vergangenheit, als sie das Sagen hatten und das dicke Geld machten, als sie der berühmte Star waren und von allen gefeiert. Und wer weder von Gestern noch von Morgen träumt, der glorifiziert sich selbst im Hier und Jetzt. Das kommt einem alles irgendwie bekannt vor.

Mit 14 Schauspielern aus den drei EU-Ländern Slowenien, Polen und Deutschland proben wir in drei Monaten und an den drei Orten: Frankfurt, Kranj und Krakau, das Stück „Nachtasyl“ von Maxim Gorki. Ein Theaterstück, das im Westen wie im Osten zu den Meisterwerken der Theaterliteratur zählt und großen Einfluss hatte auf die Entwicklung des realistischen Theaters im gesamten Europa.

Heute bekommen die zentralen Konflikte aus dem Drama „Nachtasyl“, wo Menschen Arbeit und Familie verlieren, eine neue beklemmende Aktualität. In vielen Ländern der EU ist eine große Anzahl von Menschen ohne Beschäftigung. Immer wieder verlassen Menschen von einem Tag auf den anderen ihre Heimat, um woanders ihr Glück zu versuchen. Doch immer öfter irren viele ohne Ziel durch eine Welt der Mega-Angebote und reiben sich auf in einem Kampf jeder gegen jeden.

Sie kämpfen um Liebe, um Jobs, um Wohnraum und um Konsumgüter. Die Aufhebung der Grenzen in Europa hat ihnen nicht geholfen. Sie wechseln die Länder und die Sprachen, aber haben doch keine Perspektive. Da im “Nachtasyl der Gegenwart” Menschen verschiedener Nationalitäten aufeinandertreffen, die verschiedene Sprachen sprechen, werden auch die Schauspieler bei der Aufführung in ihrer Muttersprache sprechen und sich nur gelegentlich des Englischen als Hilfsmittel bedienen.

In unserem vereinten Europa treffen immer mehr Menschen aus immer mehr Nationalitäten zusammen und sprechen immer mehr Sprachen. Heute und auch in Zukunft wird Englisch, vor allem im Wirtschaftsleben, eine große Rolle spielen. Was aber ist, wenn es um die kulturelle Identität und Vielfalt und um das alltägliche gesellschaftliche Miteinander geht? Wäre es dann nicht besser, wenn wir uns in einem neuen Europa aus Ost und West – auch unter dem Druck der Globalisierung – nicht blind angleichen, sondern unsere irritierende Verschiedenartigkeit, auch die unserer Sprachen, bewahren und uns zugleich öffnen für intensive kulturelle Begegnungen, die den Blick weiten auf neue existenzielle Horizonte?

Mit unserem europäischen Theater-Projekt wollen wir den Blick lenken auf die Kultur, die Weltsicht und die Sprache der anderen. Mit Künstlern aus verschiedenen Kultur- und Sprachräumen arbeiten wir an dem gemeinsamen Ziel, innovative Impulse zu geben für eine neue Sprache des europäischen Theaters. Ein Sprache, die die Grenzen von Nationalsprachen und -kulturen überschreitet, aber deren inspirierende Vielfalt bewahrt und fördert.

NACHTASYL / NOCNY AZYL / NOCNI AZIL
Treffpunkt der Träume
nach Maxim Gorki
Europäisches Theaterprojekt

Koproduktion mit Teatr im. Juliusza Slowackiego Krakau /
Prešernovo Gledališče Kranj

Es spielen Michaela Conrad, Rafał Dziwisz, Bettina Kaminski, Sabina Kogovsek, Barbara Kurzaj, Marcin Kuźmiński, Vesna Lubej, Tomasz Międzik, Janko Petrovec, Adrian Scherschel, Axel Siefer, Wojciech Skibiński, Natalia Strzelecka, Matjaž Višnar

Inszenierung Reinhard Hinzpeter
Regieassistenz Emer Morris
Ausstattung Gerd Friedrich
Produktionsmanagement Stephanie Becker
Produktionsassistenz Urška Bajt (Kranj), Edyta Gajewska, Małgorzata Zacharko (Krakau)

Pressestimmen

Premiere
24. September 2006